
Foto: Jan Gutzeit
Ich bin zutiefst dankbar.
Hinter der Fassade
Von außen wirke ich vielleicht energiegeladen, ideenreich und erfolgreich. Doch das ist nur ein Ausschnitt meines Lebens. Denn ebenso gehören Krisen, Scheitern, Zweifel und tiefe Verunsicherung dazu.
Es gab Phasen innerer Traurigkeit, in die ich auch heute noch manchmal kippe. Zeiten voller Wut, Scham und Unsicherheit. Dennoch gehe ich weiter.
Dreimal war ich komplett pleite. Außerdem erschütterte mich die Trennung von der Mutter meiner großen Tochter zutiefst. Schuldgefühle begleiteten mich lange, auch wenn ich sie erst Jahre später wirklich verstand.
Wenn Krisen zu Lehrmeistern werden
Diese Erfahrungen waren keine bloßen Betriebsunfälle. Vielmehr wurden sie zu Lehrmeistern, die mich zwangen, genauer hinzuschauen.
Der radikale Schnitt 2015–2016
Zwischen 2015 und 2016 stellte ich mein Leben grundlegend um. Ich beendete meine erfolgreiche Agenturtätigkeit und gab nach fünfundzwanzig Jahren die Leitung meiner Kampfkunstschule ab.
Anschließend zog ich von der südlichen Oberlausitz nach Dresden. Damit ließ ich wirtschaftliche Sicherheit, Anerkennung und ein gewachsenes Netzwerk zurück.
Äußerlich war es ein Bruch, innerlich jedoch eine Notwendigkeit. Denn mit der bisherigen Form meiner Arbeit konnte ich nicht mehr in Resonanz gehen. Kreativität auf Knopfdruck und strategisches Marketing ohne echte innere Übereinstimmung hatten mich erschöpft. Schließlich war ich ausgebrannt.
Was heute häufig als „Change” bezeichnet wird, war für mich eine existentielle Neuorientierung.
Mit einer Festanstellung tat ich mich weiterhin schwer. Deshalb arbeitete ich selbstständig weiter – zunächst allerdings ohne neue innere Klarheit. Monate später stand ich erneut am Rand meiner Existenz.
Resilienztraining im echten Leben
Ende 2017 war ich wieder komplett pleite. In der Folge erlebte ich zwei intensive Krisenjahre. Meine Partnerin trennte sich von mir, zeitweise war ich ohne eigene Wohnung, gleichzeitig verschuldet und in einer kostenintensiven Ausbildung.
Nachts arbeitete ich in einer Wohngemeinschaft für körperlich und geistig behinderte Menschen, während ich tagsüber Kurse, Trainings und Workshops gab.
Es war eine schmerzhafte Zeit. Zugleich wurde sie zu meinem Resilienztraining im echten Leben.
Resilienz heißt für mich nicht, unverwundbar zu sein. Vielmehr bedeutet sie, beweglich zu bleiben. Sich erschüttern zu lassen – und dennoch nicht zu zerbrechen.
Obwohl vieles unsicher war, entwickelte sich eine innere Stabilität. Nicht trotz der Krise, sondern gerade durch sie.
Inmitten der Unsicherheit begann ich bewusster hinzuschauen. Was trägt wirklich? Und was bleibt, wenn äußere Sicherheiten wegfallen?
Achtsamkeit wurde deshalb kein theoretisches Konzept mehr, sondern tägliche Praxis. Ich lernte, unangenehme Gefühle nicht sofort wegzudrücken. Stattdessen übte ich, innere Spannungen auszuhalten und mich immer wieder neu auszurichten.
Heute verstehe ich Ikigai nicht als Karriere-Modell, sondern als gelebtes Gefühl von Sinn im Alltag. Es ist das stille Wissen, dass mein Handeln mit meinen Werten übereinstimmt – selbst dann, wenn äußere Umstände unsicher bleiben. Gerade in schwierigen Phasen zeigt sich, ob diese innere Ausrichtung trägt.
Dankbarkeit als tägliche Praxis
Trotz aller Brüche – oder vielleicht gerade wegen ihnen – bin ich zutiefst dankbar.
Dankbar für einen gesunden, elastischen Körper.
Dankbar für einen widerstandsfähigen Geist.
Dankbar für die Fähigkeit, immer wieder neu zu beginnen.
Meine Eltern glaubten an mich, auch wenn ich selbst zweifelte. Ebenso unterstützten mich Familie und Freunde finanziell wie emotional. Darüber hinaus begleiteten mich Mentorinnen, Therapeutinnen und Lehrer:innen durch schwierige Phasen.
Ich stehe auf den Schultern vieler Menschen, die mich geprägt haben – im Kampfkunst-Dojo ebenso wie im Zen-Unterricht.
Heute halte ich nicht mehr krampfhaft an Sicherheiten fest. Stattdessen öffne ich mich dem Augenblick – nicht leichtfertig, sondern bewusst.
Alles ist im Wandel. Nichts bleibt, wie es ist. Und genau deshalb übe ich Dankbarkeit.
Am Ende eines jeden Tages blicke ich auf ein Leben, das nicht glatt, aber wahrhaftig ist. Ein Leben, das mich fordert und gerade darin erfüllt.
Aus diesen Erfahrungen ist auch meine heutige Arbeit gewachsen. In meinen Seminaren, Retreats und Trainings begleite ich Menschen dabei, innere Stabilität zu entwickeln, Werte zu klären und ihren eigenen Sinn im Alltag wieder spürbar zu machen.
Nicht als schnelle Lösung. Sondern als ehrlichen, achtsamen Weg – Schritt für Schritt.
Danke. Danke. Danke