Ikigai leben – Interview: Motoki Tonn im Gespräch mit Thomas Qiu Hönel

Steinplatten im Zen-Garten des Benediktushof Holzkirchen

Steinweg im Zen-Garten des Benediktushof Holzkirchen, Foto: Qiu

 
Es gibt diese Version von „Ikigai“, die sich anhört wie ein Karriere-Tool: vier Kreise, ein Businessplan, fertig. Und dann gibt es Ikigai als etwas viel Lebendigeres: als gelebte Wesensnatur, als das, was in dir stimmig wird, wenn du wirklich da bist.
 
In diesem Interview spricht Thomas Qiu Hönel über Ikigai als Fließen, über Wahrhaftigkeit, über den Mut, sich dem Unangenehmen zu stellen – und darüber, was Menschen in seinen/ihren Praxis- und Retreat-Räumen erfahren können.
 

Wer ist Qiu?

 

Thomas »Qiu« Hönel begleitet Menschen in Übungsräumen, Workshops und Retreats, in denen Stille, Körperpraxis, Kreativität und innere Klärung zusammenkommen. Qiu spricht direkt und zugleich poetisch: Ikigai ist nicht »immer glücklich sein«, sondern das ganze Leben leben.


Ikigai ist für mich…

 

Motoki: Was ist Ikigai für dich?
Qiu: Wenn ich mich still in eine Ecke setzen kann, um ein Buch zu lesen. Wenn ich in meinem Atelier etwas schreiben oder malen kann – einfach so, aus kindlicher Freude am Kreieren und Schöpfen. Wenn ich in Balance bin.

 

Motoki: Wie lebst du Ikigai?
Qiu: Indem ich Dinge so tue, dass es ein Fließen in und aus mir ist. Indem ich auch Dinge erschaffe, die keinen ökonomischen Kontext haben. Und indem ich beobachte, ob das, was und wie ich es tue, meinen Werten entspricht – und das täglich gegenchecke oder Feedback einhole. Andere Menschen spüren sehr wohl, ob du gerade in deiner Ikigai-Wesensnatur bist.


»Das Leben ist eine Menge Sch**** – mit Spuren von Glück«?

 
Motoki: Wie siehst du dieses Sprichwort?

Qiu: Für mich klingt das nach zynischer, sarkastischer Lebensentwertung – nach „Ich hatte doch Glück bestellt und jetzt wird nicht geliefert!“ Schmerz und Leid machen keinen Bogen um mich. Ikigai intensiv zu leben bedeutet, mich dem Sch*** zu stellen.

Es ist das Leben, das mir die Fragen stellt und die Aufgaben gibt. Dahinter kommen Schmerz, Mühsal, Angst, Unsicherheit, Hilflosigkeit. Das zu durchschreiten, anzunehmen, zu umarmen und zu sagen: „Das ist mein Leben, das ist Teil meines Lebens“ – das befähigt mich zu staunen.

Dann kann ein Tag alles enthalten: Schönheit und Glanz, Wut und Trauer, Hässliches und Erhabenes, Hartes und Weiches, Stille und Lärm. Das ganze Leben – und das Ganze leben. Jeden Tag neu gehen, wie ein Kind, das Laufen lernt.


Kannst du trotz allem glücklich sein?

 
Motoki: Trotz oder wegen der schlimmen Dinge in der Welt – kannst du glücklich sein?
Qiu: Manchmal habe ich Angst. Manchmal kommen mir die Tränen und ich weiß nicht, was ich machen soll. Was mich stärkt, ist mein Auftrag: In der Zeit, die mir bleibt, mich zu geben und das zu tun, was ich tun kann.
 
Mir hilft auch, mich zu erinnern: Alles kommt und vergeht. Diktaturen implodieren, Machthaber verlieren plötzlich ihre Bedeutung. Und was mir weiterhin sehr hilft, ist die Praxis der Dankbarkeit: den Tag Revue passieren lassen und schauen, was bemerkenswert, erstaunlich, demütig machend war.
 
Demut ist ein weites Übungsfeld: Demut vor dem Reichtum, in dem ich lebe. Demut vor täglichen Wundern. Und Demut vor dem, was ich nicht weiß.

Was ist dir wirklich wichtig?

 
Motoki: Was ist dir wirklich wichtig?
Qiu: Mein Körper und meine Gesundheit. Meine innere Arbeit, die mich befähigt, in der Wahrheit zu leben. Meine spirituelle Praxis. Mich hingeben können – und vertrauen. Mich zeigen mit dem, was mich bewegt: mit Schwächen, Fehlern, Ängsten, Liebe, Hingabe, Mut – meiner Wahrhaftigkeit.

Was hast du auf deiner Ikigai-Reise gelernt?

 
Motoki: Was hast du gelernt auf deiner Ikigai-Reise?
Qiu: Dass es die kleinen Dinge sind, die kleinen Schritte: stehen bleiben, lauschen, tief einatmen am Morgen, den Kaffee so zubereiten, wie es für mich passt – egal, was andere denken.
 
Ich habe gelernt: Wenn ich mich öffne und Ängste teile, bekomme ich viel mehr zurück, als ich wagte zu denken. Es gibt ein beständiges Auf und Ab – und ich tue gut daran zu lernen, wie ich auf diesen Wogen reiten kann. Ich darf um Hilfe bitten. Ich darf verletzlich sein. Und das stärkt mich.

Wie gehst du mit Brüchen um?

 
Motoki: Wie gehst du mit Brüchen um?
Qiu: Keine einfache Reise – besonders nicht in den letzten Jahren. Ich habe um Hilfe gebeten, mit meinen Brüchen in Frieden zu kommen, sie zu integrieren, das Gold auf den Bruchlinien zu sehen und mich darin zu entdecken und zu lieben.
 
So wurde die Arbeit mit Brüchen zu einem meiner Kernthemen. Licht, das durch einen Riss eindringt, bringt uns zum Leuchten. Den Weg gehen wir selbst – zaghaft, stolpernd, manchmal verirrt. Aber es gibt Guides, Menschen, die diesen Weg schon gegangen sind. Wir sind nicht allein.

Was bringt dein Ikigai zum Klingen?

 
Motoki: Was bringt dein Ikigai zum Klingen?
Qiu: Kunst betrachten. Stille Augenblicke. Bewegung, Tanz und Kampfkunst. Musik. Neue Ansätze schöpfen. Dinge anders tun. Etwas wagen, wovor ich mich fürchte. Erfolge mit anderen feiern. Mich in Gruppen zeigen, Wahrheit teilen. Andere inspirieren und stärken, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich zu transformieren.

Was erwartet mich in einem Retreat mit dir?

 
Motoki: Was erwartet Menschen in einem Retreat mit dir?
Qiu: Sich angenommen fühlen. Kontakt zur eigenen inneren Weisheit aufnehmen. Mit mir am Morgen in Stille sitzen. Ikigai erforschen. Kampfkunst-Übungen praktizieren. Kalligrafieren. Die Kraft einer Gruppe erfahren.
 
Motoki: Warum machst du solche Retreats?
Qiu: Weil ich meinen Weg gern teile. Weil ich Gruppen liebe. Weil ich von der Tiefe der Praxis überzeugt bin. Weil intensive Lernzeiten etwas öffnen. Und weil ich die Intelligenz und Weisheit einer Gruppe bewundere – und davon selbst partizipiere. Und weil ich es liebe zu sehen, wie der Lehrer überflügelt wird.

Key Takeaways

  • Ikigai ist keine „Dauer-Motivation“, sondern Stimmigkeit im Tun – ein Fließen, das deinen Werten entspricht.
  • Ikigai schließt Schmerz nicht aus. Es verlangt eher: dem Leben begegnen, statt es zu bewerten.
  • Brüche sind nicht das Ende der Reise. Sie können ein Eingangstor sein – mit Unterstützung, Übung und Mut.

Mini-FAQ

 
Motoki: Ist Ikigai einfach „Glück“?
Qiu: Nicht im Sinne von Statusglück. Eher als Fähigkeit, das Leben in seiner ganzen Bandbreite zu bewohnen.
 
Motoki: Muss ich spirituell sein, um Ikigai zu leben?
Qiu: Nicht „muss“. Aber Praxis (Stille, Dankbarkeit, Körperarbeit) kann helfen, dich wieder mit dem Wesentlichen zu verbinden.
 
Motoki: Was passiert in einem Retreat konkret?
Qiu: Du kannst Stille am Morgen, Ikigai-Erforschung, Körperpraxis/Kampfkunst-Elemente, Kalligrafie und Gruppenraum erwarten – mit Fokus auf innere Weisheit und echte Integration.

Wenn du Ikigai nicht nur lesen, sondern erleben willst, kann ein Retreat/Workshop der passende Rahmen sein: Praxis, Stille, Austausch und Integration.

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Wer ist Qiu?

Schwarz-Weiß Porträt Thomas Hönel Thomas Qiu HönelThomas Qiu Hönel begleitet Menschen in Workshops, Retreats und Übungsräumen rund um Ikigai, innere Klarheit und achtsame Praxis. Im Fokus stehen nicht Karriere-Formeln, sondern gelebte Stimmigkeit: das, was trägt, wenn das Leben unordentlich wird. Qiu verbindet kreative Methoden, Reflexion und Praxis – bodennah, ruhig und wahrhaftig. Vita

 

 

Motoki Tonn

Porträt-foto von Motoki TonnMotoki Tonn (Jg. 1973) ist Autor, Entrepreneur und Ikigai Coach. Als Gründer von Finde Zukunft und Lumen Partners begleitet er Veränderungsprozesse. Geprägt von seinen japanischen Wurzeln verbindet er Business-Erfahrung mit Achtsamkeitspraxis: er gestaltet Trainings und Formate zu Sinn, Werten und Entwicklung – mit Fokus auf Ikigai, Kintsugi und achtsames Zuhören.

 

 

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