Ostern und Buddha – Gehört Leiden zwangsläufig zum Leben?
Zwei Traditionen, eine Frage: Was ist Leiden – und wie kommen wir heraus?
Das Ego nutzt sogar das Leiden als Treibstoff
Ich sitze gerade selbst mitten darin. Ein Koan begleitet mich – und die Frage, ob ich wirklich bereit bin loszulassen, was mich antreibt. Denn ich merke: Das, woran ich hafte, nutze ich auch als Motor. Lasse ich es los – was bleibt dann? Diese Frage ist nicht angenehm. Und sie ist genau richtig.
Warum wir leiden: Das Festhalten
Je mehr wir uns im Strom des Lebens an etwas Festem klammern, desto stärker reißt uns der Strom mit. Dieses Festhalten ist der Kern des Leidens. In buddhistischer Sprache heißt es: Anhaften an Gier, Zorn und Verblendung. Einfacher gesagt:
- etwas zu sehr haben wollen – oder um jeden Preis vermeiden wollen,
- affektiv reagieren auf das, was uns ärgert oder kränkt,
- und sich dabei einbilden, man wisse es besser – andere Meinungen abwerten, Menschen disqualifizieren, weil sie die Dinge anders sehen.
Der Hakomi-Lehrer Ron Kurtz brachte es einmal auf den Punkt: „Leiden ist Festhalten an schlechten Gewohnheiten.“
Buddhistisch gesehen sind diese Anhaftungen unserer Ego-Struktur zuzuschreiben. Wir identifizieren uns mit einzelnen Teilen von uns – die sich auf den Fahrersitz gedrängt haben, so als wären sie das Steuer des ganzen Lebens. Der Zen-Lehrer Willigis Jäger sagte es treffend: „Der Hausmeister spielt sich zum Hausherrn auf.“
Der Weg durch den Schmerz: Loslassen und Annehmen
Buddhas Botschaft ist klar: Dieses Leiden kann überwunden werden. Nicht durch Verdrängung, sondern durch Transformation – indem wir uns nicht mehr vollständig mit dem (sogenannten) »Ego« identifizieren.
Das Ego leidet. Es geht einen Kreuzweg. Und manchmal stirbt es – ein kleines Sterben: eine Kränkung gehen lassen, eine Gewohnheit aufgeben, eine Bindung lösen, etwas Unangenehmes schlicht annehmen. Wenn es dabei in uns still wird – Grabesstille – entsteht in dieser Leere Raum für etwas Neues.
Schmerz taucht in jedem Leben auf. Allein schon das Geborenwerden – und das Sterben. Wie sehr wir jedoch leiden, hängt davon ab, wie sehr das »Ego« festhält: an dem, was vergangen ist, oder was zukünftig erwünscht wäre. Und wie sehr es ablehnt, was gerade ist.
Loslassen heißt annehmen. Annehmen, was ist – oder es in geeigneter Weise verändern, und auch das dann annehmen. Das erfordert eine gute innere Balance: den goldenen Mittelweg, den gesunden Menschenverstand, die Weisheit – untrennbar verbunden mit unserer Wesensnatur.
Leiden lässt sich transformieren – nicht durch Kampf, sondern durch Annehmen. Loslassen bedeutet nicht Aufgeben, sondern das Öffnen für das, was wirklich ist. Diese Transformation ist das kleine, alltägliche Sterben – und zugleich die Möglichkeit der Erneuerung.
Auferstehung – Erwachen in die Gegenwart
Und hier berühren sich Ostern und Buddha auf überraschende Weise.
Die Botschaft von Ostern ist, dass sich unsere Wesensnatur in der Gegenwart ereignet – in uns, nicht außerhalb. Wie Meister Eckhart sagt: Sie ist zeitlos, immer da, ohne Anfang, ohne Ende, ohne Form und ohne Nicht-Form. Wie tief auch immer die Nacht zuvor sein mag – sie ist da. Wir sind es. Untrennbar verbunden.
Im Herz-Sutra heißt es sinngemäß: Es gibt weder Alter noch Tod noch ein Ende von Alter und Tod.
Willigis Jäger sagte einmal, eigentlich müsste der Kreuzweg eine 15. Station haben – die Auferstehung. Auf-er-stehung. Leiden kann transzendiert werden. Das naturreligiöse Symbol des Eies und der Fruchtbarkeit, der Frühling – sie sind in dieses Geschehen eingebettet.
Basierend auf einem Text von Zen-Lehrer, Trainer, Therapeut Ludger Beckmann
Anmerkung: Das Wort »Ego« habe ich mehrfach im Artikel gekennzeichnet da es nicht immer hilfreich ist von Ego zu sprechen. Für diesen Artikel jedoch habe ich diese verkürzte Darstellung durch den Einsatz des Begriffes »Ego« verwendet.
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Autor: Thomas QIU Hönel – verkörpert Ikigai und Kintsugi; Ikigai-Coach, zertifizierter Resilienztrainer, systemischer Männerberater, Coach für Achtsamkeit und Stressreduktion, MBSR-Lehrer, Kampfkunstlehrer, Designer, Kalligraf, Zen-Praktizierender
