Wir brauchen verschiedene Weisheitspraktiken, nicht nur eine.

ein wassertropfen über konzentrischen wasser kreisen Weisheitspraxis

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Buhhhh, schon wieder werde ich herausgefordert: Wieder eine neue Frage aus meinem Team, die mich dazu bringt meine Position noch einmal zu reflektieren »Bin ich da wirklich gerade dran an dem, was gemeint ist oder verwickle ich mich in Schleifen aus Vermutungen, Annahmen und in Widerstand gegen die Wirklichkeit?« Für einige Augenblicke bin ich in einem Zustand zwischen Ablehnung, Besserwisserei und Verteidigung, bevor ich innerlich einen Schritt zurücktreten kann, um auf mich aus erweiterter Perspektive zu schauen.

Wir heben die falschen Informationen hervor

»Wir sind intelligent, weil wir in der Lage sind, eine Vielzahl von Informationen zu ignorieren. Der Preis dafür ist, dass wir dazu neigen, auch relevante Informationen unbeachtet zu lassen. Wir heben die falschen Informationen hervor und beachten daher nicht die Informationen, die wir zur Lösung unserer Probleme benötigen. Das ist Selbsttäuschung.« Das sagt der Kognitionswissenschaftler John Vervaeke und trifft damit punktgenau meinen Fall, den ich oben schilderte.

»Weisheit erfordert ein wechselseitiges, komplexes, dynamisches System von Praktiken wie zum Beispiel den achtfachen Pfad im Buddhismus; dazu gehören: korrekte Ansicht, Achtsamkeit, guter Lebenserwerb und Handeln. In diesem dynamischen, sich selbst organisierenden System unterstützen sich alle Praktiken gegenseitig. Sie alle hängen voneinander ab und gleichen einander aus.«

Das bedeutet einerseits sich auf den Weg zu machen und sich Weisheitspraktiken anzuschauen, mit sich in Kontakt zu gehen und nach der stimmigen für sich zu suchen. Und andererseits zu forschen, welche Praxis könnte die komplementäre sein und welche Kriterien setze ich dafür ein.

Wir richten uns nach allem Möglichen aus, aber nicht nach Weisheit

Nicole Baden Roshi (Roshi entspricht erfahrener Meisterschaft im Zen-Buddhismus) sagt dazu: »Mir fallen zwei Kriterien ein, die mit der radikalen Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber zu tun haben. Das eine Kriterium ist die Frage: Wie viel beziehe ich gerade mit ein? Ein weiser Mensch bezieht sehr viel mit ein. Wenn ich in einer Situation so tief verortet bin, dass ich die Situation und alles, was in ihr eine Rolle spielt, tief empfinde.« und weiter: »Weisheit ist das, was uns fehlt. Sie ist wichtiger denn je, weil wir technisch mächtiger denn je sind. Und wir richten uns nach allem Möglichen aus, aber nicht nach Weisheit.«

Kleine Übersicht zu Weisheitspraktiken:

  • Reflexion und Selbstbeobachtung: Regelmäßiges Nachdenken über das eigene Handeln, die eigenen Motive und Erfahrungen.
  • Achtsamkeit und Meditation: Bewusstes Wahrnehmen des gegenwärtigen Moments, um Klarheit und innere Ruhe zu fördern.
  • Dialog und Austausch: Offene, respektvolle Gespräche, in denen verschiedene Perspektiven berücksichtigt werden.
  • Dankbarkeit und Demut: Praktiken, die helfen, das Gute im Leben zu erkennen und die eigene Begrenztheit anzuerkennen.
  • Lernen aus Erfahrungen: Fehler und Herausforderungen als Chancen zur Weiterentwicklung zu betrachten.

Hier geht es zum Interview mit John Vervaeke heute und hier zum Interview mit Nicole Baden Roshi