Was ist nun wirklich »Achtsamkeit«

Foto: Thomas Hönel

Ist Achtsamkeit nicht eher Aufmerksamkeit? Schliesst man die Tür »Achtsam« oder eher Aufmerksam? Hat Achtsamkeit mit Mut zu tun oder ist das etwas für spirituelle Weicheier? Oder für weichgespülte Sentimentalitätsrunden für Leute die nicht richtig mit selbst klar kommen und Psychodings brauchen?

Über Achtsamkeit zu sprechen und ganz mächtig »achtsam« zu sein solange alles recht nett ist, oder man mit dem Finger auf den oder die andere zeigen kann ist alles schön. Nur was ist wenn es mich selbst betrifft und genau dann wenn es nicht schön, angenehm, entspannt und »alles gut« ist? So ungemütlich es klingen mag: erst jetzt geht es wirklich los. Hier beginnt »Achtsamkeit«. Die Autorin und Meditationslehrerin Tara Brach spricht von »radikaler Akzeptanz«. Auch wenn es noch so schmerzt, unangenehm ist, brennt, die Flammen um einen lodern, alles blöd, dämlich oder sinnlos erscheint genau dann ist es gut genau hinzuschauen, dabei zu sein um das Leben und sich zu beobachten. Was denke ich? Was spüre ich? Was bilde ich mir da gerade ein? Auf welchem hohen Richterstuhl sitze ich da gerade? Spreche ich von mir oder erdenke ich mir eine Story um den anderen zu manipulieren, bloß zu stellen, meine Angst zu verbergen, mich in hinter meiner Unsicherheit zu verstecken?


Der Psychologe an der Baseler Uni-Klinik Paul Grossman beschreibt das in folgendem Interview mit der Baseler Volkszeitung so:

Herr Grossman, wie kommt man dazu, Achtsamkeit zu erforschen?

Paul Grossman: In den 90er-Jahren haben meine Frau und ich in den USA bei Jon Kabat-Zinn,dem Pionier auf diesem Gebiet, die Methode der achtsamkeitsgestützten Intervention kennengelernt und eine entsprechende Ausbildung gemacht… Seit zehn Jahren erforsche ich das Thema nun, als Psychologe und Physiologe, am Basler Universitätsspital.

»Achtsamkeit bedeutet eine offene, zugewandte Einstellung, so gut es geht, ohne den Gegenstand Ihrer Wahrnehmung gleich zu bewerten.«
Paul Grossman ...

Dann müssen Sie uns erklären, was Achtsamkeit eigentlich ist.

Die gängige Definition geht so: ein Gewahrsein der momentanen Erfahrung, ohne das Wahrgenommene zu beurteilen. Eine bedingungslose Zuwendung zu jeder möglichen, auch unangenehmen Erfahrung. Sie können Ihren Atem verfolgen, die Geräuschkulisse um sich herum, Musik, Ihre Körperempfindungen, Ihre Emotionen, Ihre Gedanken, alles. Was Sie beobachten, ist ganz egal. Achtsamkeit bedeutet eine offene, zugewandte Einstellung, so gut es geht, ohne den Gegenstand Ihrer Wahrnehmung gleich zu bewerten. Das ist das Schwierige und gleichzeitig Heilsame daran.

In jedem Fitnessclub, in jeder Yogaschule kann man inzwischen ein Achtsamkeits-Training buchen. Was hilft es?

Die «Achtsamkeit», die dort geübt wird, ist nicht genau das, was ich meine. Achtsamkeit ist mehr als eine Entspannungstechnik, um dem Stress und der Hektik des Alltags zu entfliehen … sie eine innere Haltung zur Welt und zum eigenen Ich, wie es sich in dieser Welt verhält. Da stecken Mitgefühl, Freundlichkeit, Toleranz und sogar Mut dahinter.

Mut?

Ja, auch Mut. Es ist nicht einfach, sich die unangenehmen Dinge, die einen bewegen, vorbehaltlos anzuschauen. Dazu braucht es Mut.

Können Sie beschreiben, was da vor sich geht?

Die Idee ist, dass man versucht, in Kontakt zu bleiben mit dem, was ist. Man schaut zum Beispiel die Atmung an und versucht in dieser Beobachtung zu bleiben, und in null Komma nichts ist man weg davon. Die Kunst ist, zurückzukommen in diese Beobachtung, noch ein paar Atemzüge, und dann driftet man schon wieder weg. Das kann, abhängig vom augenblicklichen geistigen Zustand, ziemlich häufig passieren, selbst jemandem, der das schon dreissig Jahre macht. Es ist nicht einfach, dabeizubleiben und die Dinge nicht zu beurteilen.

Was üben wir damit?

Zum Beispiel Geduld. Wenn man sich immer sagt, ich kann das nicht, so ein Mist, das wird mir nie gelingen, dann muss man das mit Gleichmut und Grosszügigkeit der eigenen Person gegenüber beschwichtigen. Das ist die Kultivierung von Geduld.“


 

to be continued